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Geschichten aus dem Zeughaushof

 

(eine Auswahl aus 17 Jahren Labyrinthplatz, zusammengetragen und notiert von Ursula Knecht)

 

 

Die Fremde (1991)

Sie würde mich auslachen, käme ich ihr heute mit dieser Geschichte. „Du hast geträumt“, würde sie sagen, „dir etwas zusammen fantasiert.“ Sie täuscht sich. Ich sehe sie vor mir als ob es gestern gewesen wäre. Sie stand am Rand des Labyrinths in einem eleganten Jackenkleid und Stöckelschuhen. Neben ihr ein vielleicht 9-jähriger Junge mit dunklem Haarschopf und wachen Augen. Sie beobachteten uns aufmerksam. Es war in den ersten Tagen, nachdem wir das Labyrinth in die umgepflügte Zeughauswiese hinein geformt hatten. Die Beete waren aufgeschüttet, der Weg dazwischen begehbar. Jetzt warteten wir gespannt auf die ersten Pflanzerinnen und Pflanzer. Ob sie einen Gartenanteil möchte, wandte sich Vera an die junge Frau und liess für eine Weile die Schaufel, mit der sie die Wege einebnete ruhen. Sie blinzelte ihr aufmunternd zu. Die Frau schüttelte den Kopf und entgegnete schüchtern: „Nein danke, ich kann nicht“. Ihr Akzent verriet, dass sie keine Einheimische ist. „Aber vielleicht der Junge?“ Vera gab nicht so schnell auf. „Wie heisst du?“ „Manuel“, schoss es aus seinem Mund. „Nun, Manuel, du könntest hier etwas anpflanzen oder säen und schauen, wie es wächst. Wir haben Radieschensamen dabei. Wenn du jetzt säst, kannst du schon in ein paar Wochen die ersten Radieschen ernten.“ Der Junge war Feuer und Flamme. Er redete aufgeregt in einer fremden Sprache auf die Mutter ein, zerrte sie an der Hand und liess nicht locker, bis sie ihm ins Labyrinth hinein folgte. An ihren hohen Absätzen klumpte die Erde. Vera bot ihnen ein Plätzchen zum Bepflanzen an. „Vielleicht hier, in der Nähe des Eingang. Dann habt ihr’s nicht so weit.“ Sie fürchtete wohl, die Frau könnte sich zurückziehen, wenn sie ihr einen weiten Weg zumutete. Dem Jungen drückte Vera eine kleine Hacke in die Hand und zeigte ihm, wie er das Beet zubereiten solle, die Erde gut lockern damit die Samen bald keimten. Er machte sich begeistert an die Arbeit. Es dauerte nicht lange bis auch die Mutter am Rand des Beetes kauerte. In ihre blossen Hände nahm sie Erdbrocken, zerkrümelte sie und liess die feingesiebte Erde durch die Finger ins Beet zurückrieseln. Sie achtete nicht auf das Kleid, nicht auf die Schuhe. Wir trauten unseren Augen nicht. Vielleicht war es das erste Mal, dass sie in ihren Händen Erde aus dem fremdem Land spürte.

 

Das griechische Paar (1999)
Dem älteren griechischen Ehepaar begegne ich oft abends im Labyrinth. Bis vor kurzem waren sie Hauswart der Post am Helvetiaplatz. Die Frau versteht nicht viel deutsch und so übersetzt ihr Mann. Sie freuen sich besonders an den Pflanzen, die auch in ihrer Heimat gedeihen, zum Beispiel jene kleine mit den gelben Blüten, die hier fast versteckt wächst, in Griechenland aber ganze Felder bedeckt. Er erklärt mir, welches Gebäck sie zu Hause aus den Fenchelblüten zubereiten. Zwei riesige Fenchelbüsche mit grossen Dolden wuchern im Labyrinth. Schliesslich getraut sich die Frau doch, das Wort zu ergreifen: „Mein Mann bindet manchmal Blumen auf hier. Darf er das? Er gerne immer Ordnung.“

Nachtrag 2003:
Das Paar treffe ich wieder im Labyrinth. Jetzt führt die Frau den Mann an der Hand. Er ist plötzlich und heftig an Alzheimer erkrankt. Er riecht an den Blüten, streichelt die Stauden, lächelt versonnen und spricht nur noch griechisch auf mich ein. Er komme gerne hierher, sagt die Frau, er liebt die Pflanzen, ihr Deutsch ist klar und verständlich. Er lässt sogar ihre Hand los und bewegt sich selbständig entlang der Beete. Trotz seiner geistigen Verwirrung, im Labyrinth kann er sich orientieren.

 

Selbstbedienung
Frau BeWe ist Inhaberin einer Kunstgalerie in der Nähe der Kaserne. Ihr Abendspaziergang führt sie oft durch den Zeughaushof und ins Labyrinth. Wir haben ihr angeboten, von den Kräutern, die üppig im Labyrinth wachsen, für den Eigenbedarf zu ernten. Besonders der Ruccola hat es ihr angetan. Eines Tages erzählt sie: „Gestern beim Ruccolapflücken hat plötzlich einer vom Alkitisch neben dem Labyrinth lautstark zu mir rübergerufen: He Sie, das hier ist kein Selbstbedienungsladen!“. „Da denkt man, sagt die Galeristen, diese Leute seien nur mit sich und ihrem Bier beschäftigt. Aber sie nehmen wahr, was um sie herum geschieht und offensichtlich fühlen sie sich für den Labyrinthgarten mitverantwortlich.“

 

Zahnschmerzen
Wie ich mit Gartengeräten aufs Labyrinth zusteuere, winkt mir Gigi, ein gebürtiger Italiener. Ich kenne ihn von Veranstaltungen aus der Zürcher Alternativszene. Auf der Strasse verkauft er jeweils seine selbstgemachten Ravioli und Tortelloni mit aparter Füllung. Ich bin erstaunt, ihm hier zu begegnen. „Ein Freund hat entsetzlich Zahnschmerzen und meine Mamma legte jeweils Blätter einer bestimmten Malve auf die schmerzende Stelle“, erklärt er. Diese Pflanze wächst im Labyrinthgarten. Er verschwindet mit einer Hand voller Blätter. Ein paar Stunden später braust er wieder an mit seinem Fahrrad: „Die Blätter helfen, ich brauche noch mehr davon.“

 

Un(geliebtes)Kraut (2003)
Das Caliente-Festival ist schon in vollem Gang. Brasilianische Musik tönt aus Lautsprechern, viele Menschen im Hof, manche spazieren durchs Labyrinth, geniessen den lauen Sommerabend. Ich schneide die verblühten Stauden und rücke dem Unkraut zu Leibe. Mit einem Eimer voller Jät unter dem Arm bewege ich mich zum Ausgang. Zwei Männer kommen mir entgegen, sehen mich zuerst nicht, weil sie den Blick auf  die Pflanzen richten. Ich stelle mich ihnen breitbeinig in den Weg und sage: „Hier haben Frauen Vortritt“ – mit einem Augenzwinkern selbstverständlich. „Diesen Platz haben Frauen vor 12 Jahren gebaut und pflegen ihn seither, Jahr für Jahr.“ Die Männer verstehen und weichen zur Seite. Ich erkläre ihnen, wenn sie immer auf dem Weg blieben, kämen sie durchs ganze Labyrinth an allen Pflanzen vorbei. Der eine, lange Haare, Künstlertyp, sagt lachend: „Das brauchen Sie mir nicht zu erklären, ich habe das Labyrinth in den Füssen“ und zeigt auf seine nackten Füsse in den Sandalen. Dann deute ich auf den Haufen Unkraut und sage, dass jetzt alles spriesse, auch das Ungeliebte Kraut. Er schaut sich um und entdeckt die Winden. „Mit den Winden muss man Freundschaft schliessen“, sagt er, „sonst ärgert man sich dauernd und unnötig. Sie haben nämlich eine besondere Funktion. Man geht den Winden nach und dabei entdeckt man die Pflanzen, an denen sie empor klettern. Ohne die Winden hätte man sie nicht wahrgenommen.“ Sein Vater habe einen Garten und jeden Herbst grabe er ihn um und versuche die Winden auszurotten. Vergeblich. Es gelinge ihm nie. Im Frühling seien sie wieder da. „Mit den Winden muss man Freundschaft schliessen“. Ich werde diese Geschichte weitererzählen, sage ich und wünsche einen entdeckungsreichen Labyrinthspaziergang.